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Glück gehabt? Warum Alternativ wichtig ist

Glück gehabt? Warum Alternativ wichtig ist

Schwarzenberg, 26. Juli 2018. Von Thomas Beier. Die Menschheit ist eine vergessliche Spezies, die großen Lektionen der Geschichte wirken allenfalls wenige Jahrzehnte, ein, zwei Generationen, dann jedenfalls entsteht eine Mehrheit, die sich weniger mit Geschichte befasst, sich dafür aber zur Gefolgschaft der nächsten Rattenfänger machen lässt. Meine Generation hat Glück, hat sie das?

Mit Glück meine ich nicht nur, dass ich nie in einen Krieg ziehen musste, sondern auch, ein paar Lektionen der Geschichte durch die Auseinandersetzung mit Zeitzeugen, insbesondere der Elterngeneration, gelernt zu haben. Dazu gehört ganz wesentlich, wie die Menschen nicht nur ins Dritte Reich schlitterten, sondern es irgendwann als unausweichlich, selbstverständlich und schließlich richtig ansahen, sich dazu bekannten und im Glauben an Deutschland halb Europa in Trümmer legten. Und dazu gehört, wie sie - diktaturerfahren - den SED-Sozialismus mitspielten, nach den gleichen Regeln: Das kannst Du nur hinter vorgehaltener Hand sagen, Dich werden sie auch noch abholen. Seit 1933, später in der "DDR" bis 1989, das waren Jahre, in denen Individualität nicht hoch im Kurs stand, in denen es immer nur darum ging, sich einzufügen, nicht aufzufallen und zu diesem Zweck wenigstens ein bisschen mitzuspielen. Wohl daher rührt meine tiefe Abneigung gegen alles Militärische, gegen jedwede Anbiederung bei jenen, die gerade die Macht an sich gerissen oder vom Volk verantwortet bekommen haben.

Mittlerweile ist die Eltern- und Großelterngeneration, die berichten konnte, wie sie für vermeintlich hohe Ideale betrogen wurde, im Aussterben begriffen. Die Auseinandersetzung mit denen, die sich in den beiden deutschen Diktaturen positionieren mussten, findet nicht mehr zwangsläufig statt. Der bundesdeutsche Alltag hat sich bei den in den Achtzigerjahren und später Geborenen großteils entpolitisiert, was sie anfällig macht für Strömungen, auf der Suche nach Orientierung, ähnlich der Zeit der Zwanzigerjahre. Nicht Wissen, sondern Meinungen, multipliziert in den sozialen Netzwerken des Internets, dominieren das Denken und die Haltung vieler.

Diese gesellschaftliche Entwicklung lässt nicht alle kalt. Im Erzgebirge ist es der Agenda Alternativ e.V., der neues Leben bringen will. Das Erzgebirge ist wie andere sächsiche Randregionen, so die Sächsiche Schweiz und die Oberlausitz, ganz besonders von der Überalterung betroffen. Das führt dazu, dass die jungeren, gut gebildeten Leute lieber wegziehen. Die Zurückgebliebenen, weniger weltläufigen, erweisen sich häufiger als anderswo als anfällig für rechtspopulistische Schuldzuweisungen, besonders, wenn sie mit der regionalen Heimatverbundenheit, die in Sachsen stark ausgeprägt ist, verpackt daherkommt.

Das war schon Anfang der Dreißigerjahre so, als von den Nazis die Weimarer Republik als "Systemzeit", die Presse als "Systempresse" verunglimpft wurden. Heute ist es die "Lügenpresse" und dem demokratischen System - immerhin ist Deutschland eine der freiesten Gesellschaften der Welt - wird ein nebulöser Freiheitsbegriff entgegengesetzt. So richtig dümmlich wird es, wenn der Volkssänger des Erzgebirges Anton Günther mit seinem "Deitsch on frei wolln mer sei!" zitiert wird. Das Lied stammt von 1908 und gewann erst nach dem Ersten Weltkrieg in Bezug auf die Verhältnisse der Sudentendeutschen in der neu gegründeten Tschechoslowakei an Bedeutung. Es heute als politischen Anspruch zu verwenden und von einer "Freien Republik Erzgebirge" zu faseln, das erreicht nicht mal das Niveau eines Treppenwitzes - ganz anders übrigens als das Künstlerprojekt Freie Republik Schwarzenberg, dass die Selbstbefreiung von den Nazis im Jahr 1945 auf die surrealistische Ebene eines basisdemokratischen Experiments hebt.

Allerdings stehen sowohl die etablierten Parteien wie auch die Verwaltungen dem unheilvollen rechtsnationalen Trend regelrecht überfordert gegenüber. So hat die Stadt Schwarzenberg politische Veranstaltungen jeder Art auf Ihren Bühnen verboten und damit den Boden dafür bereitet, dass Dank Genehmigung durch das Landratsamt rechtes Gedankengut mitten in der Stadt vor schöner Heimatkulisse an den Mann und die Frau gebracht wurde. Da kann man auch gleich Kunst verbieten, denn Kunst in ihrer besten Form ist stets auch politische Kunst. "Wenn die Kunst keine Politik macht, wer sonst?", lesen wir aus der Feder von Lars Nadarszinski auf der Website des Goethe-Instituts München.

Nun liegt das Kind im Brunnen, Schwarzenberg läuft in der Tat Gefahr, wie andere Kleinstädte und Dörfer zu braunen Nestern zu mutieren. Wenn eine Oberbürgermeisterin meint "Diesen Rufmord lasse ich nicht zu!", irrt sie: Sie greift den Boten an, aber nicht, worüber er berichtet. Paradox ist, dass viele der Jungnazis meinen, sie seien gar keine Nazis. Ja, aber wer dann?

In diesem Umfeld agiert also die Agenda Alternativ. Sie will jungen Leuten Politik und gesellschaftliches Engagement nahebringen, indem sie Informationen mit Kultur verknüpft, auf Musikfestivals, beim Fußball, auf Diskussionen und Bildungsfahrten. Alternativ und gegen rechts zu sein heißt nicht automatisch - das sollte der Letzte erkannt haben - links zu sein. Es geht viel mehr darum, die eigentlich ganz normalen Werte unserer Gesellschaft, auf die man auch mal stolz sein kann, wieder in den Mittelpunkt zu rücken, insbesondere die Gleichstellung und Gleichberechtigung aller Menschen.

Mitmachen!
Informationen und Abstimmen für den Deutschen Nachbarschaftspreis 2018 zugunsten der Agenda Alternativ.

Deutsche Entwicklungsstufen:

  1. Zufrieden sein.
  2. Genervt sein von anderen.
  3. Entwickeln von Ängsten.
  4. Rummotzen.
  5. Sprachverrohung.
  6. Wahl nationalistischer Irrer.
  7. Krieg.
  8. Merken, dass Krieg weh tut.
  9. Kapitalution & Wiederaufbau.
  10. Weiter bei 1.
Wir sind bei 5.

Quelle: DarthLehrer official

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